Portugal: Waldbrände bedrohen nun auch Städte
Portugal: Nachdem in Portugal bereits Hunderttausende Hektar Wald ein Raub der Flammen geworden sind, bedrohen die seit Wochen dauernden Waldbrände nun auch Städte.
Ein Vorort der Universitätsstadt Coimbra im Zentrum des Landes musste bereits evakuiert werden – mehrere Wohnhäuser sind niedergebrannt. Angesichts der dramatischen Lage ist Hilfe aus der EU unterwegs: So unterstützen Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland die Feuerwehr mit Löschflugzeugen und Hubschraubern.
Als Folge der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten wird Portugal bereits seit Wochen von verheerenden Waldbränden heimgesucht. Nun bedroht ein Waldbrand die Außenbezirke der Universitätsstadt Coimbra im Zentrum des Landes. Mehrere Wohnhäuser in der Vorstadt Ceira wurden bereits ein Raub der Flammen, wie die Behörden am Montag, dem 22. August 2005, mitteilten. Die betroffene Siedlung war angesichts der Bedrohung bereits zuvor sicherheitshalber evakuiert und Katastrophenalarm gegeben worden. Coimbra, Sitz der ältesten Universität in Portugal, war in dicken Rauch gehüllt.
Die 100.000-Einwohner-Stadt Coimbra war von Norden und vom Süden her vom Feuer eingeschlossen, wie Bürgermeister Carlos Encarnacao berichtete. Das Feuer sei in der Nacht schnell vorangekommen und derzeit unberechenbar, so Encarnacao.
In einigen Teilen der Stadt waren bereits Flammen und Rauch zu sehen. Der Bürgermeister verlangte, die Zahl der derzeit sieben Löschflugzeuge aufzustocken. Der Zivilschutz bereitete sich auf Evakuierungen vor.
Insgesamt kämpfen die Löschmannschaften in Portugal derzeit gegen 27 größere Waldbrände im Norden und Zentrum des Landes. 3.000 Feuerwehrleute sind im Einsatz.
Neben Ceira drohten die Flammen auch auf andere Siedlungen überzugreifen. So musste etwa in Viana do Castelo in Nordportugal das traditionelle Stadtfest abgebrochen werden, weil Waldbrände im Umland dicke Rauchwolken in die Stadt trieben. Tausende von Bewohnern flüchteten aus der Stadt. Ein Luxushotel in den Bergen und eine Herberge wurden geräumt, mehr als 100 Urlauber in Sicherheit gebracht.
Portugals Staatspräsident Jorge Sampaio rief die Bevölkerung des Landes zur Einheit im Kampf gegen die verheerenden Waldbrände auf. Nun komme es darauf an, dass alle Portugiesen solidarisch zusammenstünden, so der Staatschef am Sonntag.
Er appellierte an die Firmenchefs, den bei der Freiwilligen Feuerwehr tätigen Beschäftigten freizugeben, damit diese sich an den Löscharbeiten beteiligen könnten.
Die Regierung bat die Europäische Union um Hilfe. Am Montag erhielt Portugal Hilfe aus dem Ausland. Löschflugzeuge aus Frankreich und Spanien beteiligten sich am Kampf gegen die Flammen. Auch Deutschland unterstützt mit drei Hubschraubern die Löscharbeiten, zudem schickte auch Italien ein Löschflugzeug nach Portugal.
In Pampilhosa da Serra in Mittelportugal brachte die Feuerwehr eine der verheerendsten Feuersbrünste dieses Sommers unter Kontrolle. „Von den 40.000 Hektar Wald in der Umgebung blieben uns nur 4.000“, beklagte Bürgermeister Hermano Almeida.
Seit Jahresbeginn verbrannten in Portugal mit geschätzten 200.000 Hektar mehr Wälder als im gesamten Jahr 2004. Wegen der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren herrscht im ganzen Land extreme Waldbrandgefahr.
Auch aus dem benachbarten Spanien wurden aus der Region Galicien im Nordwesten des Landes mehr als 20 Waldbrände gemeldet.
Keine EU-Hilfe bei Brandstiftung?
Die europäische Finanzhilfe für die von Waldbränden betroffenen Regionen in Portugal könnte bei kriminellen Ursachen für die Feuersbrünste geringer ausfallen als erwartet. Falls Brandstifter die Feuer gelegt hätten, müsse das bei Hilfen aus dem europäischen Katastrophenfonds berücksichtigt werden, sagte eine Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel am Montag. Jeder Mitgliedsstaat müsse im Fall einer Naturkatastrophe feststellen, ob diese kriminelle Ursachen habe. Grundsätzlich sei der Fonds aber dazu da, betroffenen EU-Staaten auch bei Feuersbrünsten zu helfen. Die Behörden in Portugal hatten Brandstifter für das Aufflackern neuer Feuer am Wochenende verantwortlich gemacht.
Der Solidaritätsfonds der EU enthält pro Jahr eine Milliarde Euro zur Nothilfe bei Katastrophen, deren Ausmaß einen bestimmten volkswirtschaftlichen Schaden übersteigt. Der Fonds war im Jahr 2002 nach den verheerenden Überschwemmungen in Ostdeutschland und anderen Regionen Mitteleuropas geschaffen worden. Vergeben würden die Mittel erst nach eingehender Prüfung, betonte die Sprecherin. Das könne mitunter Monate dauern: Am Montag erklärte die Kommission, dass sie für die Nothilfe nach einem verheerenden Sturm in Nordeuropa annähernd 93 Millionen Euro bereitstellt.
Das Unwetter hatte Anfang Jänner 2005 Teile Schwedens und der baltischen Staaten verwüstet. Schweden bekommt von der EU deshalb 81,73 Millionen Euro. Lettland erhält 9,49 Millionen, Estland 1,29 Millionen und Litauen 370.000 Euro aus dem Fonds.
Die EU-Kommission hob hervor, dass die vier EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien in weniger als 24 Stunden auf das Hilfeersuchen der Portugiesen zur Brandbekämpfung reagiert hätten. Sie entsandten Löschflugzeuge und Hubschrauber. Einige andere Länder seien ebenfalls dabei, Unterstützung auf die Beine zu stellen, hieß es in Brüssel.
Verwaltungsstrukturen behindern Löscharbeiten
In Portugal kritisieren indes Experten, dass fehlende Verwaltungsstrukturen die Arbeit der Feuerwehren bei der Bekämpfung der schwersten Waldbrände seit Jahrzehnten behindern. Portugals größtes Problem sei demnach, dass es keine zentrale Stelle zur Erfassung von Landbesitz gebe, so Domingos Cartaxo von der Umweltgruppe Quercus.
Das zeige sich daran, dass Portugal schwerer unter den Waldbränden zu leiden habe als die ebenfalls von der Dürre betroffenen Länder Spanien und Frankreich.
Die Unklarheit darüber, wer das Land besitze, werde noch dadurch verstärkt, dass viele Portugiesen ihre Ländereien einfach verließen. So sei oftmals niemand mehr da, der Waldbrände rechtzeitig entdecken und melden könne.
Wenn es eine Zentraldatei gebe, könnten die Behörden die Landbesitzer außerdem dazu zwingen, Schneisen in die Wälder zu schlagen oder schwer brennbare Bäume anzubauen, um die Ausbreitung der Brände zu verhindern, sagte Cartaxo. Derzeit habe jedoch die Bepflanzung großer Flächen mit leicht brennbarem Eukalyptus noch zur schnellen Ausbreitung der Feuer beigetragen.
