Schweiz: Neue Strategie -> Im Brandfall Lift benutzen?
Schweiz / USA: Seit den Anschlägen von 9/11 wird der Ruf immer lauter, bei Bränden zur raschen Evakuierung von Hochhäusern auf Personenlifte zu setzen. Steht ein Paradigmenwechsel an?
Es ist eine Horrorvorstellung: gefangen zu sein in einem brennenden Wolkenkratzer, 70 Stockwerke über dem Boden. Hektisch suchen wir den Fluchtweg, die rettende Treppe nach unten. Den Lift lassen wir links liegen. Wir sind darauf trainiert, bei einem Feuer nie und nimmer den Lift zu rufen. «Aufzug im Brandfall nicht benutzen!» schreien uns die Warnschilder entgegen, in jedem Hochhaus, jedem Shoppingcenter, jeder Parkgarage der Welt. Und selbst wenn wir in der Verzweiflung den Liftknopf drückten, es würde nichts nützen: Bei Feuer werden alle Aufzüge automatisch ins Erdgeschoss gerufen und dort blockiert. Doch dieses Szenario könnte sich bald ändern. Weltweit fordern Brandschutzexperten, die Evakuierung von Hochhäusern neu in erster Linie mit Liften zu organisieren. So könnte ein Wolkenkratzer deutlich schneller komplett evakuiert werden, wie Notfallübungen und Simulationen zeigen.
Treppen zu anstrengend
Die neue Strategie war Ende Juni 2011 Thema an einem Symposium der International Association for Fire Safety Science in Maryland, USA. Schon in den 1990er Jahren habe man darüber nachgedacht, Personenlifte auch während eines Brandes in Betrieb zu halten, sagt Erica Kuligowski vom amerikanischen National Institute of Standards and Technology (Nist) – vor allem für Menschen mit Behinderungen. Doch erst die Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 verliehen dem Thema echte Dringlichkeit. Hier hätte sich die Opferzahl mit Liften deutlich verringern lassen, wie Untersuchungen des Nist gezeigt haben.
Vor 9/11 rechnete man nicht wirklich damit, ein brennendes Gebäude so rasch komplett räumen zu müssen. Die Idee war und ist nach wie vor, bei einem Feuer nur einzelne Stockwerke rund um den Brandherd sofort über die Treppen zu evakuieren. Der Rest des Gebäudes wird dann gestaffelt geleert, was bei einem Hochhaus mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann. In den allermeisten Fällen hat sich diese Strategie bis jetzt bewährt. Beim WTC aber zeigten sich die Schwachstellen: Das Fassungsvermögen der Treppen reichte nicht aus, die Evakuierung dauerte zu lange, und außerdem kamen viele physisch an ihre Grenzen, als sie 30 und mehr Stockwerke nach unten rennen mussten – eine Problematik, die sich in einer alternden Gesellschaft noch verschärfen dürfte.
Für viele Experten ist es deshalb nur logisch, Personenlifte für die Evakuierung zuzulassen, zumal es heute kein Problem mehr ist, feuersichere Lifte zu bauen. Das bestätigt auch die Industrie. Solche Lifte seien über ein bis zwei Stunden resistent gegen Feuer, ihre elektrischen Komponenten wasserfest geschützt, sie verfügten über Notstromaggregate und ließen sich im Notfall von der Feuerwehr speziell steuern, sagt Frankie Schmid vom Schweizer Lifthersteller Schindler. In der Schweiz müssen alle Gebäude über 25 Meter Höhe über einen solchen Lift für die Feuerwehr verfügen, in den USA muss sogar jeder Fahrstuhl ein «Feuerwehraufzug» sein.
Zudem sind moderne Liftsysteme mit zahlreichen Sensoren vernetzt – zum Beispiel mit Rauchmeldern, aber auch mit den Badge-Stationen für die Personenkontrolle, wie Elena Cortona von Schindler erklärt. Alle Daten laufen in einem speziell gesicherten Kontrollraum zusammen, wo der beste Betriebsmodus für den Notfall festgelegt werden kann. Brennt es in einem Stockwerk, zum Beispiel direkt in der Lobby, können die Lifte dort vorbeifahren und alle benachbarten Stockwerke zuerst ansteuern. Aus dem brennenden Stockwerk müssen sich die Menschen dann nach wie vor über die Treppe retten. Dank der Badge-Station haben die Sicherheitsleute jederzeit die Übersicht, wer sich noch im Gebäude befindet.
Ein solches System hat Schindler im soeben eröffneten International Commerce Centre in Hongkong eingebaut. Der Wolkenkratzer ist knapp 500 Meter hoch und umfasst 118 Stockwerke mit Wohnungen, Büros und einem Hotel. Im Fall eines Taifuns, eines Erdbebens oder einer Bombendrohung können die rund 30 000 Benutzer innert Kürze per Lift in Sicherheit gebracht werden. Im Brandfall aber ist die Benutzung der Lifte aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nach wie vor nur der Feuerwehr erlaubt. Dann dauert die Evakuierung wesentlich länger. Auch in der Schweiz werden alle Hochhäuser bei Feuer nur über die Treppe evakuiert, so auch der Prime Tower, das mit 126 Metern und 36 Etagen höchste Gebäude hierzulande.
Bei der Normierung hakt’s
Damit sich das ändert, braucht es neue Baunormen. Bis jetzt hat sich in diesem Bereich allerdings nicht viel getan. Kommt dazu, dass feuerfeste Lifte mehr Platz brauchen und deutlich teurer sind als herkömmliche Aufzüge: Sicherheit kostet. Trotzdem ist Schmid sicher, dass Hochhäuser in naher Zukunft mit Personenliften evakuiert werden dürfen. «Das wird kommen», sagt auch Cortona, zuerst wohl in Ländern mit einem starken Urbanisierungstrend, in denen die Städte vor allem in die Vertikale wachsen.
Auch die Feuerschutz-Ingenieurin Kuligowski ist optimistisch. Sie und ihre Kollegen beschäftigen sich jetzt schon mit der Frage, wie man den Menschen beibringen kann, in welchem Gebäude sie den Lift benutzen dürfen und in welchem nicht. Wie müssen die Signalisierungen und die Evakuierungsprotokolle aussehen? Klar ist: Die simple Botschaft «Aufzug im Brandfall nicht benutzen!» gehört der Vergangenheit an.
