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Deutschland: „Heute wird nicht gelöscht“

Deutschland: Nach Lokführern, Ärzten und Fluglotsen hat auch die Feuerwehr eine eigene Gewerkschaft. Die Brandbekämpfer wollen nun ihre eigene Lohnpolitik machen. Und was, wenn’s brennt?

Niemand Geringerer als Papst Benedikt gab den Anstoß für die neueste deutsche Gewerkschaft. Als der Papst vor sechs Jahren den Weltjugendtag in Köln besuchte, waren Tausende Feuerwehrleute im Einsatz. Und die waren wenig begeistert von ihrer heiligen Mission. Retten, löschen, bergen – dafür fühlten sie sich zuständig. Aber auf Päpste und Politiker aufpassen?

„Nicht mit uns“, schimpften die Brandbekämpfer. Oder jedenfalls: nicht ohne mehr Geld für die ständig neuen Aufgaben. Ein paar Jahre wurde diskutiert, demonstriert und die Feuerwehrseele massiert, vergangene Woche war es dann so weit: In Solingen konstituierte sich die deutsche Feuerwehrgewerkschaft. Nach Lokführern, Ärzten oder Fluglotsen steigt wieder eine kleine, aber mächtige Gruppe aus den großen Gewerkschaften aus und macht ihre eigene Lohnpolitik. Gemessen an 100.000 Feuerwehrleuten ist die „DFeuG“ mit 1000 Mitgliedern noch ein Zwerg. 80 Genossen kamen nach Solingen, wählten Vorstand und Kassenprüfer, futterten Bratwurst und feuerten sich an für den Arbeitskampf.

Mein Lohn rettet auch Dein Leben!
Aber was, wenn es mitten im Streik brennt? Sollen Häuser abbrennen, weil die Feuerwehr gern mehr Weihnachtsgeld hätte? Die Briten haben das erlebt. Vor knapp zehn Jahren traten dort 52 000 Feuerwehrleute tagelang in Streik, forderten 40 Prozent mehr Lohn. Die Regierung setzte 19.000 Soldaten als Not-Löscher ein und konnte doch nicht verhindern, dass gar Menschen starben.

„Wir sind keine Krawallgewerkschaft“, beteuert Ingo Schäfer, der neue Gewerkschaftschef. Tatsächlich dürfte es hierzulande nicht so brenzlig werden: Die meisten Feuerwehrleute sind Beamte und dürfen nicht streiken. Ihre Vergütung regeln Gesetze, nicht Tarifverträge. „Das Demonstrieren kann uns aber keiner verbieten“, sagt Schäfer trotzig. Soll der Wähler ruhig wissen, dass in manchen Orten ein Feuerwehrmännlein allein auf Einsatz fährt. „Niemand kann sich sicher fühlen, wenn die Feuerwehr kaputt gespart wird.“ So weckt die neue Gewerkschaft denselben (wohligen) Grusel beim Bürger, der schon bei den Ärzten wirkte: Mein Lohn rettet auch Dein Leben!

Der Reallohn der Feuerwehrleute sei in letzter Zeit um 15 Prozent geschrumpft, klagt Ingo Schäfer. Daran seien auch die großen Gewerkschaften schuld, die lieber einen Streik für 220.000 Kita-Betreuer organisierten als eine Demo für ein paar Feuerwehrleute. Ohne Druck auf die Kommunen landet die Feuerwehr eben auch mal in einer Besoldungsgruppe mit den wackeren Beamten im Bürgeramt, die keine Rauchschwaden einatmen oder Wasserleichen bergen.

Wenn Werksfeuerwehren streiken, stehen alle Räder still
Ob Verdi, IG BCE oder IG Metall – noch belächeln große Gewerkschaften ihre neue Konkurrenz. „Wie viele Mitglieder hat denn diese machtvolle Organisation?“, spöttelt ein Funktionär. Auch die kommunalen Arbeitgeber bleiben lässig. „Nie gehört“ hat der Sprecher des Städte- und Gemeindebunds von der Feuerwehrgewerkschaft. „Aber natürlich dürfen sie sich organisieren“, heißt es gönnerhaft. Private Arbeitgeber sind demütiger. Sie denken an die Feuerwehr in Gießereien, Flughäfen, chemischen Anlagen. Wenn sie streikt, stehen alle Räder still. Allein die BASF zählt 200 Werksfeuerwehrleute. Nicht auszudenken, wenn die nicht zum Dienst erschienen. Zwar zählt Ingo Schäfer nur 5 Prozent Mitglieder aus der Privatwirtschaft. Aber es kämen immer mehr, frohlockt er. Bald werde die erste Flughafenfeuerwehr beitreten.

Aber Schäfer weiß, dass private Kollegen schwerer zu werben sind. Vor allem in der chemischen Industrie hat die IG BCE ihre Hausaufgaben gemacht: In den Tarifwerken stehen Feuerwehrleute mit monatlich 3300 Euro brutto im oberen Mittelfeld, dazu gibt es Schichtzuschläge und Gewinnbeteiligung. Ein Brandmeister steht auf der zweithöchsten Gehaltsstufe. „Wir gehen davon aus, dass unsere Feuerwehren sich damit wohl fühlen“, sagt der Sprecher der Chemie-Arbeitgeber diplomatisch. „Wir können bundesweit für alle mehr herausholen“, wirbt dagegen Schäfer. Die Lokführer schafften doch auch einen einheitlichen Tarifvertrag.

Die Arbeitgeber sehen sich in einer kniffeligen Lage: Sie wollen den Erfolg neuer Mini-Gewerkschaften – darunter solche für Techniker im Luftverkehr, Containerführer am Hamburger Hafen und gar Köche im Krankenhaus – nicht beschreien. Aber das Streikpotential der Splittergruppen soll gern bedrohlich wirken, damit die Regierung endlich Tarifeinheit für alle Betriebe vorschreibt. Und so warnt Roland Wolf, Arbeitsrechtsexperte der BDA: „Wenn der Streik einer solchen Organisation einmal Erfolg hat, wird das in vielen Betrieben Nachahmer finden.“ Ein Beispiel seien die Fluglotsen, die sich mit einem Streik am kleinen Flughafen Hahn als Gewerkschaft etabliert hätten. Grade planen die Fluglotsen übrigens einen neuen Streik.

Frankfurter Allgemeine

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