Deutschland: Gesellschaftliche Veränderungen -> Künftig Pflichtfeuerwehren?
Tübingen (Deutschland): Wo stehen wir, und wo wollen wir hin? Zur ersten Frage finden sich alle fünf Jahre Antworten im Sozialbericht des Kreises. Wobei die Bestandsaufnahme ein wenig die Richtung andeutet, in die es künftig gehen wird.
Am 18. Mai 2011 wurde der dritte Sozialbericht nach 1999 und 2006 im Kreistag vorgestellt und diskutiert. Vor allem durch die demografischen Prognosen gerät der Kreis unter Handlungsdruck.
Noch aber sieht es gut aus. Zwar liegt die sogenannte Bruttowertschöpfung im Kreis erheblich unter dem Landesdurchschnitt. Aber das hat mit den 24 000 Studenten in Tübingen zu tun, deren Einkommen naturgemäß niedrig ist. Dafür gibt es im Kreis weniger Arbeitslose und Bedürftige. Was die private Verschuldung betrifft, haben bundesweit nur fünf andere Kreise bessere Werte. Bei der Lebenserwartung hat Tübingen sogar den Spitzenplatz. Das habe mit den sicheren Arbeitsplätzen zu tun, sodass die Menschen weniger in existenzielle Krisen geraten, begründete Kreisjugendhilfeplaner Jochen Althaus diese Statistik.
Radikale Änderungen drohen
Er stimmte die Kreisräte aber auch auf andere Zeiten ein. Vor allem der demografische Wandel mit immer mehr älteren Menschen und weniger Kindern werde dazu führen, dass künftig nicht die Arbeitsplätze, sondern die Arbeitnehmer knapp sind. Trotz mehr Einwohnern im Kreis werde die Kinderzahl nicht wieder steigen.
Althaus nannte den Räten eine mögliche Konsequenz, die andere Kreise wohl schon gezogen haben. So könnte es etwa künftig eine »Pflichtfeuerwehr« geben für 18- bis 50-Jährige. Ein Beispiel dafür, was an radikalen Änderungen anstehen könnte, wenn die demografische Entwicklung so weiter geht. Althaus nannte auch andere Szenarien: Dass Kindergärten mangels Nachfrage schließen, Sportplätze aufgegeben werden oder Vereine sich auflösen.
Umso wichtiger sei, so Sozialamtsleiterin Iska Dürr, alle in die Gesellschaft »reinzuholen«. Bei rüstigen Senioren etwa das bürgerschaftliche Engagement zu fördern, damit diese die erwerbstätige Bevölkerung unterstützen, indem sie etwa Betreuungsaufgaben übernehmen. Gut sei im Kreis, dass es schon viele Hilfs-Initiativen gebe.
Aus Fußball-Elf wird ein Septett
Gerd Weimer (SPD) fand den neuen Sozialbericht »wohltuend« gegenüber dem davor, der von seiner Fraktion heftige Kritik geerntet habe, weil es darin keine Vergleiche und keine Handlungsanweisungen gab. Sabine Schlager (Grüne) fand das Raster noch zu grob. Sie hätte sich Daten aus den Gemeinden gewünscht, um zu sehen, an welchen Stellschrauben der Kreis drehen muss. Etwa bei den 14 Hauptschulen, von denen wohl maximal sieben zu halten sind.
Eugen Höschele (CDU) sah drohende Veränderungen beim Vereinssport auf den Kreis zukommen. Man müsse prüfen, ob man noch elf Fußballer für eine Mannschaft zusammenbringt. Sein Fraktionskollege Klaus Tappeser belehrte ihn, dass sieben Fußballer in einem Team schon vom DFB genehmigt seien. Dass es schon überall Spielgemeinschaften gibt, ist für ihn ein Ausdruck dieser Entwicklung. Er plädierte dafür, unbedingt Vereinsstrukturen zu fördern.
Ganz wichtig ist Tappeser die Unterstützung der Frauen im Beruf, etwa auch durch Kinderbetreuung. Da schreckte er auch vor Dramatik nicht zurück: »Geschlechtergerechtigkeit ist zu einer Frage des Überlebens unserer Gesellschaft geworden.«
