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Deutschland: Der Wettlauf gegen die Flut beginnt

Deutschland: Für die Eisbrecher auf der Oder wird die Arbeit zu einem Wettrennen: Die Eisdecke muss aufgebrochen sein, bevor die Massen aus dem zunächst noch zugefrorenen polnischen Nebenfluss Warthe kommen. In anderen Teilen Deutschlands ist die Flut schon da.

Das Tauwetter bedeutet im Hochwassergebiet entlang der Oder nordöstlich Berlins sowohl Segen als auch Fluch. Schließlich kann mit den steigenden Temperaturen die deutsch-polnische Eisbrecherflotte endlich von Stettin aus die geschlossene Eisdecke zerkleinern, damit das Wasser wieder ungehindert in das Oderhaff und die Ostsee gelangt. Bei Frost macht ihr Einsatz nur wenig Sinn, weil die gebrochenen Eisstücke dann immer wieder zusammenfrieren und neue Barrieren bilden. Allerdings liegt vor den schweren Schiffen ein rund 27 Kilometer langer Weg durch bis zu zwei Meter starkes Eis. Erst bei Hohensaaten am nördlichen Rand des Oderbruchs ist der Fluss wieder frei.
„In zwei Tagen müssten sie es geschafft haben“, sagt der Chef des Brandenburger Landesumweltamtes Matthias Freude. „Genauso lange brauchen aber auch die Eisschollen aus der Warthe, die von einem 70 Kilometer langen Eispanzer bedeckt ist.“ Das sei die problematische Seite des Tauwetters. Wenn sich das Eis auf der Warthe, die bei Küstrin in die Oder mündet, erst einmal losreiße, müssten die Wasser- und Eismassen möglichst ungehindert in Richtung Ostsee abfließen.

Freude spricht von einem „dramatischen Wettlauf“ zwischen Eisbrechern aus dem Norden und dem Warthe-Eis aus dem Süden. Entschieden wird es im Laufe des heutigen Sonnabends oder des morgigen Sonntags, 9. Jänner 2011. Im schlechten Fall würde das Wasser die Deiche überspülen und weite Landstriche zwischen Hohensaaten, dem Oderbruch und Küstrin überschwemmen. Betroffen wären rund 15.000 Menschen und mehrere Zehntausend Tiere. Mit 25.000 Sandsäcken wollen die Einsatzkräfte im Notfall versuchen, das Wasser im Flussbett zu halten. „Die Lage ist angespannt, aber noch stabil“, hieß es im Hochwassermeldezentrum in Frankfurt. Die Oder weise in Hohenwutzen derzeit einen Pegelstand von 7,51 Metern auf, normal sind hier 3,34 Meter. Beim großen Sommerhochwasser 1997 wurden 7,46 Meter als Höchststand gemessen. Inzwischen sind die meisten Zufahrtsstraßen an den Deichen sowie quer durch das Oderbruch von Eis befreit. Einwohner und Landwirte mit ihren Tieren könnten somit rasch in höher gelegene Gebiete ausweichen.

Oberfranken kämpft gegen Überschwemmungen
Probleme gibt es bereits in Oberfranken. Vornehmlich in den Bereichen Forchheim, Bamberg, Coburg und Kulmbach kam es vereinzelt zu vollgelaufenen Kellern und überfluteten Straßen. Dabei handelte es sich sowohl um übergetretene Gewässer, als auch um Schmelzwasser, das durch die Schneemassen nicht ablaufen konnte, wie die Polizei in Bayreuth mitteilte. Teilweise wurden Streckenabschnitte durch die Straßenbaulastträger gesperrt.
Besonders betroffen ist die BAB A 73 im Bereich der Anschlussstelle Breitengüßbach-Mitte in Fahrtrichtung Erfurt. In diesem Bereich ist die Autobahn nur noch einspurig befahrbar, die Anschlussstelle selbst musste gesperrt werden.Durch den Zustrom von sehr milder Meeresluft und weiteren Regenfällen ist mit einem raschen Abschmelzen der Schneedecke zu rechen und damit zu einem weiteren Anstieg der Pegel.

Höchster Wasserstand seit zehn Jahren erwartet
In Koblenz, wo die Mosel am Deutschen Eck in den Rhein fließt, rechnet die Feuerwehr aber immerhin mit dem größten Hochwasser seit zehn Jahren. Teile der Altstadt könnten dort überflutet werden. Für Montag, 10.1.2011, sei ein Ansteigen des Wassers in den Bereich von 7,50 bis 8 Meter „nicht auszuschließen“, meldete die Hochwasserzentrale. Bei rund 7,20 Metern wird das Deutsche Eck überflutet. Bei den großen Hochwassern 1993 und 1995 hatte der Wasserstand in der Stadt sogar die 9-Meter-Marke überschritten.
Überall in Rheinland-Pfalz wurden am Freitag, 7.1.2011, und auch in der Nacht zum Samstag insbesondere kleinere ufernahe, aber auch Landes- und Bundesstraßen gesperrt. Auch Parkplätze in Ufernähe waren oftmals überflutet.
In Trier erreichte die Mosel Pegelstände von 8,75 Meter. Innerhalb von 24 Stunden war das Wasser am Freitag um vier auf mehr als acht Meter angestiegen. Dort wurde ein Katastrophenstab eingerichtet.
Experten rechnen damit, dass die kritische Marke von 9 Metern überschritten wird. Dann könnten Keller überflutet werden. Der erwartete Höchststand könnte am Sonntag mit knapp über 9 Metern erreicht werden. Zum Vergleich: Beim „Jahrhunderthochwasser“ 1993 waren es 11,28 Meter.

Auch in Hessen stiegen die Pegelstände in der Nacht weiter. Größere Probleme gab es nach Polizeiangaben jedoch noch nicht. Die Lage wird sich jedoch verschärfen. Die Behörden rechnen örtlich mit der Hochwassermeldestufe 3. Der ergiebige Regen soll erst am Montag nachlassen. Der Neckar schwappte bereits über die Ufer.

Bereits am Freitag war der Schiffsverkehr auf Neckar und Mosel eingestellt worden. Im Süden und Osten Deutschlands schwollen viele Flüsse an. Am Anfang machten vor allem kleinere Flüsse Probleme, die den tauenden Schnee aus den Höhenlagen abtransportieren. Sie spülten gewaltige Wassermassen in die größeren Flüsse. Auch auf Abschnitten des Rheins droht nun die Einstellung des Schiffsverkehrs.

Land unter in Belgien
Flüsse im Süden Belgiens wie die Maas treten wegen der Schneeschmelze und starker Niederschläge über die Ufer. Wie die Nachrichtenagentur Belga am Freitagabend berichtete, musste der Zivilschutz eingreifen. In Rochefort in den Ardennen verteilten die Behörden Wasserflaschen an die Bevölkerung, weil das Trinkwasser verschmutzt ist. In Esneux retteten Feuerwehrmänner und Taucher bis zu 150 Menschen, die auf einem Campingplatz von den Fluten überrascht worden waren.

Der Tagesspiegel

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