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Bayern: Zeitgeschichte -> Flugzeugabsturz in München vor 50 Jahren mit 140 Toten

München (Bayern): In der Adventszeit vor 50 Jahren war’s: Damals, genau am 17. Dezember 1960, und dies an einem verkaufsoffenen (!) Samstag nachmittag, herrscht in der Einkaufsmeile der Landeshauptstadt große Hektik.

Acht Tage vor dem Heiligen Abend wollen die Münchner Bürger – und die aus dem Umland – ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Weniger bekannt ist an diesem Samstag, dass tags zuvor über New York zwei Passagierflugzeuge im Nebel zusammen gestoßen waren, wobei eines von beiden Flugzeugen im dicht besiedelten Stadtteil Brooklyn einschlug. An die 140 Menschen kamen ums Leben.

Nicht ahnen konnten die weihnachtlich gestimmten Münchner, dass nachmittags gegen 14.10 Uhr ein US-Transportflugzeug an der Kreuzung Bayer-/Martin-Greif-Straße, zerschellen wird und 52 Personen in einem Flammenmeer umkommen werden.

Die Unglücksmaschine: Mehrere Redaktionsmitglieder der Süddeutschen Zeitung (SZ) berichten in der Ausgabe vom 19. Dezember 1960 und in weiteren Ausgaben ausführlich über den Hergang der Katastrophe. Sinngemäß heißt es in den Berichten: Am Samstag gegen 14 Uhr besteigen im (damaligen) Flughafen München-Riem zwölf vergnügte junge Menschen die zweimotorige Convair 346 der USArmee. Es sind fünf Mädchen und sieben Burschen im Alter von 17 und 18 Jahren. Unter ihnen ist der 18-jährige John K. Connery, der Sohn des Piloten, der die Todesmaschine steuern wird. Sie alle sind Schüler der Münchner Maryland-Universität, eine Schuleinrichtung für Kinder von US-Armeeangehörigen, die in Europa stationiert sind. Herzlich empfangen werden sie an Bord von der achtköpfigen Besatzung, darunter eine Stewardess. Nur einen Wunsch haben die Schüler, sie wollen die Weihnachtsfeiertage in England bei ihren Eltern verbringen.

Der Pilot will umkehren: Planmäßig rollt bei Nebel die Todesmaschine in MünchenRiem auf die Startbahn und hebt um 14.05 Uhr ab. Etwa zwei Minuten später geht im Kontrollturm des Flughafens der alarmierende Funkspruch ein: Ein Motor ausgefallen, kehren um zum Flughafen, der linke Propeller ist neutralisiert, um Anweisung für Rückflug wir gebeten. Danach verliert der Kontrollturm die Verbindung mit der Maschine. Zu diesem Zeitpunkt schwebt die Unglücksmaschine in einer geschätzten Höhe von 140 m über München; vorgeschrieben ist eine Flughöhe von 500 m. Dann schießt das Flugzeug auf den St.Pauls-Platz zu und knickt auf der Paulskirche mit der linken Tragfläche (laut SZ-Bericht vom 20. Dezember) das Turmkreuz ab. Daraufhin segeln Teile von dieser Tragfläche auf die Hausdächer in der Herrmann-Lingg-Straße. In Folge schmiert die nicht mehr steuerbare Maschine brennend ab in Richtung Bayerstraße und zerschellt schließlich an der Betonmauer vor dem (damaligen) Spatenkeller. Augenblicklich versetzt das im Flugzeugtorso getankte Benzin die Absturzstelle in ein etwa 50 Meter hohes Flammenmeer. Unglücklicherweise steht in der Unfall-Kreuzung ein stadtauswärts fahrender Trambahnzug der Linie 10. Glühende Flugzeugteile wirbeln umher und auf das Dach des Anhängers. In kürzester Zeit brennt dieser lichterloh. Verzweifelt versuchen die Fahrgäste – auch die aus dem Motorwagen – den Flammen zu entkommen. Die es schaffen, rennen als Fackel auf die nahe Wiese und wälzen sich um das Feuer zu ersticken. Die es nicht schaffen, verbrennen im Bereich der Fahrzeugtüren. Vom Unglück betroffen sind auch Fußgänger. Gleichzeitig verbreitet sich süßer Qualm aus dem nahen und brennenden Reifenlager und 30.000 Liter Benzin sind in der Tankstelle an der Martin-Greif-Straße in Gefahr.

Zeugen der Katastrophe: Die Münchner Feuerwehr und die Rettungskräfte des Roten Kreuzes treffen auf ein Inferno. Zwischen Feuer und Rauch schreien brennende Menschen um Hilfe. Verkohlte Leichen hängen an den Ausgängen des Trambahnanhängers und brennende Flugzeugteile und Bekleidungsstücke liegen umher. Inmitten des Chaos steht ein Mann und betet; der Kaplan von der Paulskirche segnet die Toten. Unterdessen richtet die Münchner Mordkommission im Krematorium des Ostfriedhofs eine Zentrale zur Identifizierung der Toten ein; und in der Chirurgischen Universitätsklinik in der Nußbaumstraße versorgt Professor Dr. Zenker an die 16 Brandverletzte. Acht von ihnen kämpfen ums Überleben. Gleichzeitig werden für die Verletzten Blutspender gesucht.
Umsichtig dirigieren die drei Münchner Bürgermeister, Dr. Hans-Jochen Vogel, Georg Brauchle und Albert Bayerle, zusammen mit der Stadtpolizei und der Feuerwehr – auch vor Ort – die notwendigen Einsätze.

Weitere Zeugen der Katastrophe sind unter anderem einige Männer der nahen Shell-Tanktelle, der Fahrer eines Funkstreifenwagens und der Verkehrsschutzmann an der Ecke Bayerstraße, der einen Schock erlitt. Es hat gepfiffen wie wenn ein Düsenjäger daher käme, erklärte ein Tankwart dem Oberbürgermeister am Unfallort. Dann musste das Oberhaupt der Stadt vom harten Schicksal einer Frau erfahren, die ihren Mann unter den Leichen fand. Er war Schaffner in der Unfalltram. Die Namen derer, die in der Tram oder als Fußgänger zu Tode kamen, veröffentlicht die SZ in ihren Ausgaben von 19., 20. und 21. Dezember Unter den Opfern befinden sich ein 14-jähriges Mädchen sowie ein 20- und ein 25-jähriger Student aus Syrien. Der Älteste unter den Toten ist 60 Jahren alt.
Wie zum Oktoberfest strömen die Schaulustigen zur Unfallstelle. Die Stadtpolizei ist nicht in der Lage, das neugierige und behindernde Publikum vom Unfallort fernzuhalten. Sie forderte die Bereitschaftspolizei an.

Die Schuldfrage: Unmittelbar nach der Katastrophe versuchen US-Behörden, zusammen mit deutschen Sachverständigen, die Unfallursache herauszufinden. Nach der Auswertung der Tonträger, auf denen die letzten Funkverbindungen zwischen dem Piloten und der Flugleitung gespeichert sind, kommt die Münchner Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis: Deutschen Stellen ist eine Schuld an der Flugkatastrophe nicht nachzuweisen.

Die Trauerfeier: Die Trauerfeier für die Opfer der Münchner Flugzeugkatastrophe vom 17. Dezember findet am Dienstag, 20. Dezember vormittags in der Ausstellungshalle auf der Theresienhöhe statt. 3000 Gäste nehmen betroffen daran teil. Unter ihnen Kardinal Wendel und der evangelische Landesbischof Dietzfelbinger. Anwesend sind die Mandatsträger der Stadt. Auch die Bayerische Staatsregierung mit ihrem Ministerpräsident Dr. Ehard und der amerikanische Botschafter in Deutschland, Dowling, sind unter den Trauernden. Während dem abschließenden Abschiednehmen werfen sich Frauen über die Särge und Männer verbergen ihre Gesichter in Taschentücher. Aus aller Welt kommen in München Beileidstelegramme an, unter anderem von Bundespräsident Lübke, Bundeskanzler Adenauer und dem USPräsidenten Eisenhower. Für die Opfer der Katastrophe ist ein Spendenkonto eingerichtet. Am 20. Dezember beträgt der Kontostand 100.000 DM.
Heute erinnert am Unfallort eine Gedenktafel an die Katastrophe mit dem nüchternen Text: „Zum Gedenken an die 52 Todesopfer des Flugzeugunglücks vom 17. Dezember 1960“.

Der neue Flugplatz: Die Flugzeugkatastrophen vom 6. Februar 1958 auf dem Riemer Flugplatz, bei der fast die gesamte Mannschaft des englischen Fußballclubs Manchester United ums Leben kam sowie der Flugzeugabsturz über München vom 17. Dezember 1960, zwingen die Bayerische Staatsregierung zu konsequentem Handeln. Erneut lässt sie mögliche Standorte untersuchen, ob sie geeignet sind für einen modernen, internationalen Flugbetrieb. Untersucht werden unter anderem die Standorte Hofoldinger Forst, Ebersberger Forst, Dachauer Moos und Erdinger Moos. Schließlich stellt sich das Erdinger Moos als geeignet heraus. Es werden 31, teils kämpferische, Jahre vergehen, bis endlich am 17. Mai 1992 der planmäßige Flugbetrieb im „Flughafen FranzJoseph-Strauß“ aufgenommen werden kann. Inzwischen wurde der Flughafen im Erdinger Moos zum zweitwichtigsten fliegerischen Drehkreuz in Deutschland. Beispielsweise zählte man am 2. November 2010 1092 Starts und Landungen sowie 102.562 Passagiere. Nicht zuletzt bietet der Flughafen mit seinem Umfeld 30.000 Menschen Arbeit und Brot. Ob die notwendige dritte Startbahn durchsetzbar ist, wird sich zeigen.

Chiemgau Online

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