Deutschland: Notfallrettung -> Rettungsdienste contra Berufsfeuerwehr
Münster (Deutschland): Eine stärkere Beteiligung der Hilfsorganisationen an der Notfallrettung wäre für die Stadt Münster nicht billiger, sondern wesentlich teurer. Zu diesem Ergebnis kommt ein „Gegengutachten“ der Feuerwehr…
… zu einer vor einigen Wochen vorgelegten Expertise der Hilfsorganisationen. DRK, ASB, Johanniter und Rotes Kreuz diskutierten mit dem Oberbürgermeister eine selbst in Auftrag gegebene Studie, darin war von „deutlichen Einsparungen für die Stadt“ die Rede.
Jetzt kontert die städtische Feuerwehr. „Der Kostenvorteil liegt bei eine Millionen Euro jährlich, wenn die Notfallrettung auch künftig nur die Berufsfeuerwehr durchgeführt wird“, meinte am Freitag, 10. September 2010, Feuerwehrchef Benno Fritzen bei der Vorstellung der Feuerwehr-Einsatzbilanz. In ihrer mehrseitigen „Betrachtung der Wirtschaftlichkeit“ setzt Fritzen auf die Beibehaltung „des bewährten Systems der Notfallrettung aus einer Hand durch die Feuerwehr“. Fritzen: „Der Kostenvergleich der Hilfsorganisationen hinkt, wir sind günstiger.“
Personalreserven optimal genutzt: Weil alle Berufsfeuerwehrleute multifunktionell sowohl im Brandschutz wie auch im Rettungsdienst eingesetzt werden können, werden Personalreserven und damit Synergie-Effekte aus Sicht der Feuerwehr „optimaler genutzt“. Die Hilfsorganisationen müssten, um die statistisch alle drei Tage einmal vorkommende Spitzenanforderung von mehr als 13 zeitgleichen Rettungseinsätzen abdecken zu können, zusätzlich teures Personal in Bereitschaft halten, was eben nur sehr selten gebraucht werde. Dennoch will Fritzen die Hilfsorganisationen stärker ins Boot nehmen und bietet den Organisationen an, am Wochenende in der City einen zweiten Rettungswagen besetzen zu können. Seit einigen Jahren gibt es die so genannte Wache 8 in Bahnhofsnähe, dort rücken Ehrenamtliche der Hilfsorganisationen samstags und sonntags koordiniert durch die Feuerwehr-Leitstelle zu Notfalleinsätzen aus.
Motivation und Erfahrung: Fritzen: „Dadurch werden die Ehrenamtlichen motiviert, erlangen Erfahrung und Routine. Bei größeren Unglücksfällen könne so das freiwillige Personal der Hilfsorganisationen „noch optimaler eingebunden werden“. Ohnehin sei das angebliche Spargutachten „nicht von den ehrenamtlichen Helfern, sondern den hautamtlichen Geschäftsführern der Organisationen erstellt worden“, so Fritzen.
Die Notfallrettung entwickelt sich auch wegen der immer älter werdenden Gesellschaft immer mehr zum Kerngeschäft der Berufsfeuerwehr. Nur in einem Prozent aller 45.000 Einsätze in den zurückliegenden zwei Jahren mussten Feuer gelöscht werden. Die Quote der Notfall-Alarme liegt dagegen bei 64 Prozent.
Mit 23.000 Einsätzen 2009 einen Höchststand erreicht: Mit 23.000 Einsätzen wurde 2009 der absolute Höchststand seit Einführung der Aufzeichnungen vor 17 Jahren erreicht. Durchschnittlich alle 20 Minuten rückt die Feuerwehr zur Menschenrettung aus. Problematisch sind die immer häufiger auftretenden Unwetter. Weil meist auch Nachbarstädte betroffen sind, muss die Feuerwehr wie beim Sturmtief „Kyrill“ die bis zu 1.000 zeitgleichen Einsätze mit eigenem Personal bewältigen können.
20 Löschzüge und 650 Freiwillige: Fritzen: „Die Gefahrenabwehr in der Stadt ist auch wegen steigender Extremwetter-Ereignisse ohne ehrenamtliche Einheiten weder effektiv noch wirtschaftlich zu leisten“. Neben 280 Beamten der Berufsfeuerwehr stehen in Münster 20 Löschzüge mit 650 Freiwilligen parat. Dazu kommen 500 Ehrenamtliche von Hilfsorganisationen. Um Großschadenslagen künftig optimaler abarbeiten zu können, werden derzeit eine neue Einsatzleitstelle und ein Krisenstabsraum geplant.
Neuer Gerätewagen: Vorgestellt wurde am 9. September 2010 auch der neue, geländegängige Gerätewagen-Wasserrettung. Die Forschmänner können sich schon auf der Alarmfahrt zum Gewässer ausrüsten, der Wagen löst seinen 18 Jahre alten Vorgänger ab und kostet rund 22.000 Euro.
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Stadt kann im Rettungsdienst Millionen sparen
Rund 3,4 Millionen Euro könnte die Stadt in den kommenden sechs Jahren beim Feuerwehrpersonal sparen, wenn sie die Hilfsorganisationen in die Notfallrettung einbindet. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine von den Organisationen in Auftrag gegebene Studie. Die Verwaltung prüft nun den Vorschlag.
Das Thema ist nicht ganz neu: Schon seit vielen Jahren versuchen Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Malteser Hilfsdienst (MDH), Johanniter und Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) ein Stück von der lukrativen und auch prestigeträchtigen Notfallrettung mit Blaulicht abzubekommen. Die Berufsfeuerwehr hielt stets dagegen, dass sie durch die multifunktionelle Ausbildung ihrer Beamten in Notfallsituationen aller Art besser aufgestellt sei.
Von der Brandbekämpfung bis zur Wiederbelebung müssen Berufsfeuerwehrleute Alleskönner sein. Synergieeffekte, die bislang die Stadt davon abhielten, das aus ihrer Sicht bewährte System der Notfallrettung aus einer (und der eigenen) Hand durch die Berufsfeuerwehr aufzuweichen.
Wache 8 bewährte sich
Vor einigen Jahren öffnete man den drängelnden Hilfsorganisationen dennoch ein kleines Trost-Törchen. Sie dürfen am Wochenende das Personal der Rettungswache 8 unweit des Hauptbahnhofs stellen. Das klappt seitdem problemlos und zur Zufriedenheit aller Beteiligten.
An der Qualifikation der Retter von Hilfsorganisationen hat auch der stellvertretende Chef der Berufsfeuerwehr, Fritz Burrichter, keinerlei Zweifel. Sie sei „durchaus vergleichbar“ mit den Fähigkeiten seiner Feuerwehrleute.
Die Hilfsorganisationen machen nun einen neuen Anlauf und nutzen die Gunst der Stunde. Sie folgen einem Aufruf von Oberbürgermeister Markus Lewe, der sich von der Bevölkerung konkrete Sparvorschläge erbat.
Notfallrettung näher untersucht: Die vier Organisationen setzten sich an einen Tisch und beauftragten die Unternehmensberatung Rosenbaum-Nagy, die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Einbindung aller vier lokalen Hilfsorganisationen in die Notfallrettung näher zu untersuchen. Das dem Oberbürgermeister jetzt überreichte Gutachten kommt zu einem klaren Fazit: Bei gleichbleibend hoher Qualität können Hilfsorganisationen die gleiche Leistung um rund ein Viertel günstiger anbieten..
Und weil die Stadt ihre Feuerwehrleute bald nur noch maximal 48 Stunden in der Woche beschäftigen darf und deshalb mehr Personal einstellen muss, seien mittelfristig höhere Einsparungen drin.
20.000 Einsätze für die Rettungskräfte: Uwe Hüging (Malteser), Ulrich Schindler (DRK), Udo Schröder-Hörster (Johanniter) und Dirk Winter (ASB) diskutierten mit Lewe, wie die Stadt Geld sparen und dennoch die Notfallrettung qualitativ hochwertig erhalten könnte. In Münster gibt es jährlich rund 20.000 Notfalleinsätze. Die Kosten von rund 8,5 Millionen Euro werden von den Krankenkassen erstattet. Anders sieht es beim Brandschutz aus, hier kriegt die Stadt nur einen Bruchteil der Kosten (15 Millionen Euro) erstattet.
Geringere Kosten: Preiswerter als Behörden sind die Hilfsorganisationen unter anderem, weil sie einen Personalstruktur-Mix aus Hauptamtlichen, Rettungsassistenten im Praktikum, Kräften im Freiwilligen Sozialen Jahr, geringfügig beschäftigten Aushilfen und Ehrenamtlichen einsetzen können. Auch die Verwaltungskosten sind geringer.
Betont wird, dass sich die Studie nicht gegen die Berufsfeuerwehr richtet. In vielen NRW-Großstädten sind die Hilfsorganisationen in der Notfallrettung Seite an Seite mit der Feuerwehr aktiv.
