Schweiz: Ein Lichtstrahl als Schutzengel im Tunnel
St. Gallen (Schweiz): Mitten im Tunnel züngeln Flammen aus dem Motorraum eines Autos. Dichter Rauch quillt aus den Seitenfenstern und breitet sich rasch in der ganzen Röhre aus. «Zwei Atemzüge Brandgas, und es gibt keine Rettung mehr»,…
… sagt der Leiter des Versuchsstollens Hagerbuch in den Schweizer Alpen, Volker Wetzig. Dass daraus keine Katastrophe wird, dafür soll eine haardünne Glasfaser an der Tunneldecke sorgen.
Das Fiberglas-Kabel schützt inzwischen den Gotthard- und den Montblanc-Tunnel, wo 1999 und 2001 Lastwagen in Brand geraten und insgesamt 52 Menschen verbrannt oder erstickt waren. Auch im San-Bernardino-Tunnel, durch den in den Sommermonaten jeden Tag 25.000 Autos, Busse und Lastwagen rollen, oder im längsten deutschen Tunnel, am Rennsteig in Thüringen, soll das Kabel ein Flammeninferno verhindern.
Wie das funktioniert, erklärt Max Kobler von der Herstellerfirma Siemens bei dem Test im Versuchsstollen: Ein Lichtstrahl wird durch das Fiberglas-Kabel geschickt. Je nach Temperatur ändert sich die Reflektion des Lichts. Wenn die Temperatur rasch steigt oder ein bestimmter Grenzwert überschritten wird, wird automatisch Alarm ausgelöst. Schon eine Minute nach dem Beginn des Brandes sehen die Einsatzkräfte auf den Monitoren im Kontrollzentrum auf den Meter genau, wo es brennt, wie heiß es ist und wie sich der giftige heiße Rauch weiter ausbreitet. Alle 15 Sekunden werden die Informationen für die Rettskräfte aktualisiert.
Luft statt Wasser
In einem echten Straßentunnel würden jetzt die Ampeln an den Tunneleinfahrten auf Rot geschaltet, erklärt Kobler. Alle Lampen in der Röhre würden aufleuchten, Blitzleuchten den Weg zu den Fluchträumen weisen und Ventilatoren würden auf Höchstleistung geschaltet, um den Rauch abzusaugen. Außerdem wüsste die Feuerwehr sofort, von welcher Seite her sie den Brand angehen müsste.
Im Versuchsstollen aber prasselt laut Kobler nun Wasser aus riesigen Duschen auf das inzwischen lichterloh brennende Auto. Der auch gegen die Windrichtung noch in Augen und Nase beißende Rauch lichte sich, und es werde schlagartig kühler. Doch in echten Straßentunneln gibt es solche Löschanlagen nicht – «zu teuer», wie Kobler erklärt. Schon ein Meter FibroLaser-Kabel koste über 100 Euro, eine Löschanlage sogar das Zehnfache. Die rasche Turbobelüftung allein sorgt jedoch dafür, dass schon wenige Meter von dem brennenden Wagen entfernt die Menschen wieder atmen und sehen können.
Flucht mit Skiern
Unfälle in Tunneln sind zwar selten, aber immer brandgefährlich. Erst vor wenigen Wochen war ein Autofahrer auf der 16 Kilometer langen Fahrt durch den Gotthard eingeschlafen und frontal in eine Nische gekracht. Auch der Leichtsinn mancher Autofahrer lässt die Experten schaudern. «Da bleiben Leute einfach stehen, weil sie im Kofferraum was zu suchen haben», erzählt Kobler.
Wetzig erinnert sich an einen Mann, der sich nach einem Unfall über enge Fluchttüren im Tunnel beklagte: «Da hätte man ja Mühe, die Skiausrüstung durchzubringen!» Bei der Katastrophe am Montblanc seien mehrere Menschen erstickt, weil sie aus den Fluchträumen noch einmal zu ihren Autos gerannt seien, um Wertsachen zu retten. Der Tunnelexperte kennt bei Alarm nur einen Rat: «Sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen!»
In dem Versuchsstollen trainieren Feuerwehrleute aus China und Amerika. Neben der Anlage von Siemens testet der Schweizer Konkurrent Securiton seine Brandmelder. Aber der FibroLaser habe 70 Prozent Marktanteil in der Schweiz, sagt Kobler. Er lasse sich weder von Schmutz, Dunst oder Abgasschwaden irritieren noch von elektromagnetischen Einflüssen etwa durch Stromkabel. «Das System arbeitet sehr einfach und präzise», erklärt er. Weltweit seien rund 2.500 Kilometer Strecke damit geschützt, bis hin zum KP-Expressway-Tunnel in Singapur.
Wärmebildkamera entdeckt defekte Lkw-Bremsen
Einen großen Schritt zu mehr Sicherheit im Tunnel versprechen sich Bundesforschungsministerium und Siemens demnächst von Wärmebildkameras und einem winzigen Chip. Die Infrarotkameras vor den Tunnelportalen sollen Lastwagen im Vorbeifahren automatisch auf überhitzte Bremsen, Achsen oder Motoren prüfen. Bei Defekten springt die Ampel auf Rot.
Zugleich sollen Gefahrguttransporter mit einem fälschungssicheren Chip anstelle der herkömmlichen orangefarbenen Tafeln ausgerüstet werden. Die Leitzentrale könnte immer nur einen Gefahrgutlaster im Tunnel fahren lassen und bei einem Unfall der Feuerwehr sofort alle Informationen über das benötigte Löschmittel senden. Im Sommer soll der erste Praxistest am Aubinger Tunnel bei München beginnen.
