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Bayern: Bei der Freiw. Feuerwehr brennt es lichterloh – Vorschriften explodieren

Bayern: Eine Flut an Dienstvorschriften setzt die Freiwillige Feuerwehr unter massiven Druck: Seit Jahren herrscht Mitgliederschwund, Experten warnen sogar vor dem Aus. Bei der Frühjahrsdienstversammlung in Eicherloh (Kreis Erding) am 23.3.2007 hoffen nun Führungskräfte auf Patentrezepte.

15 Jahre, dann kam der vergangene Freitag – und es war vorbei. Thomas Halbritter trat ans Rednerpult, und Minuten später trat er von seinem Amt zurück. 57 Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Poing (Kreis Ebersberg) schauten ihrem Kommandanten in die Augen, viele Gäste, der Bürgermeister. „Ich bin ausgezehrt”, sagt Halbritter. Er wirkt nachdenklich. Er weiß, dass immer mehr Feuerwehrleute aufgeben. Rund 10 000 pro Jahr, das belegt die Statistik. Der anhaltende Mitgliederschwund: Er könnte das Aus für die 7778 Freiwillige Feuerwehren im Freistaat bedeuten.

Halbritters Feuerwehr hat jetzt einen neuen Kommandanten. Und der neue Kommandant hat einen neuen Stellvertreter, denn auch Halbritters Vize konnte nicht mehr. Als „ausgebrannter Feuerwehrmann” bezeichnet sich Halbritter. Seinem Nachfolger könnte es ähnlich gehen. Halbritter versucht zu lächeln. Der 42-Jährige weiß, dass es zu viele Ausgebrannte gibt. Einst blieben Kommandanten bis etwa 60 im Amt. Heute werden sie für sechs Jahre gewählt – und resignieren oft schon nach drei Jahren.

Schuld ist „die Flut an neuen Dienstvorschriften”, sagt Gerhard Bullinger, Vorsitzender des Bezirksfeuerwehrverbandes in Oberbayern (Interview). Er sagt nicht, die Vorschriften seien unnötig. Nein! Aber es sind einfach zu viele auf einmal. „Wir überfordern die Leute.”

Allein der Schulungsaufwand ist massiv gestiegen. Aus vier Stunden für den „Einsatz mit Motorsäge” sind 56 geworden; aus zwei Stunden im „Modul Absturzsicherung” 24. „Eingeklemmte Person im Auto”: 20 Stunden statt sechs; „Pkw-Brand auf Landstraße”: 20 Stunden statt zehn.

Für die Freiwillige Feuerwehr gelten die gleichen Vorschriften wie für die Berufsfeuerwehr. Die Berufsfeuerwehr sagt: „Man verlangt nichts Unmögliches.” Das Innenministerium sagt: „Es geht um die Sicherheit – die Einsatzgebiete der Feuerwehr sind doch viel komplexer geworden.” Die Freiwilligen sagen: Wir haben zusätzlich zum Ehrenamt einen Job, 35 Stunden aufwärts die Woche; mit null Gage, die es für die Einsätze bei Verkehrsunfällen, Bränden oder Sturmschäden gibt, können sie ihre Familien nicht durchbringen. „Wir müssen den Leuten mehr Zeit lassen. Jedes Jahr eine neue Vorschrift? Das ist, als würden Sie jedes Jahr eine Rechtschreibreform durchboxen”, sagt Bullinger.

Immer häufiger höre er von Betroffenen: „Was soll ich noch in meinem Ehrenamt leisten?” Und immer häufiger weiß er nicht, was er antworten soll. „Im Prinzip sind diese Menschen 365 Tage im Jahr 24 Stunden pro Tag in Bereitschaft.” Und dann würden ihnen noch Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Diese Knüppel kennt Albert Wirth, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Parsdorf-Hergolding (Kreis Ebersberg), gut. Im seinem Büro im Feuerwehrhaus hängt ein Dankesschreiben einer kleinen Gemeinde für den Einsatz beim Hochwasser 2002. Wirth erzählt, er sei „wirklich froh”, dass seine Frau und seine zwei Buben (19, 14) bei der Freiwilligen Feuerwehr sind: „Sonst würden wir uns kaum sehen.” Rund 700 Stunden im Jahr arbeitet er ehrenamtlich – kein Tag, an dem nicht irgendetwas anfällt: Wenn er nicht zum Einsatz muss, stapelt sich „Verwaltungskram” auf seinem Schreibtisch.

Wirth ist ein Mann, der sich schnell in Rage redet, sobald er über Juristen spricht, „die im warmen Büro sitzen, Vorschriften machen – aber nicht wissen, was es heißt, wenn mitten in der Nacht der Piepser geht, man aus dem Tiefschlaf gerissen wird und Leben retten muss”. Da zähle jede Sekunde. „Soll ich mir jedes Mal während des Einsatzes eine halbe Stunde Zeit nehmen, um zu checken, ob vielleicht eine neue Dienstvorschrift zu beachten ist?”

Wirth, 40, seit seinem 17. Lebensjahr bei der Freiwilligen Feuerwehr, will keine unnötigen Details, er will seine Truppe motivieren – aber wie, wenn Schulungen mindestens doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen? Wenn die Leute Angst haben, beim Arbeitgeber Sonderurlaub zu beantragen für Lehrgänge, weil sie um den Job fürchten? Wenn Familien zerbrechen, weil der Vater – die meisten Feuerwehrleute sind Männer – weniger Zeit hat? Der Piepser, das weiß Wirth, geht genau dann los, wenn man zusammen beim Abendessen sitzt oder einen gemeinsamen Ausflug macht.

„Allein schon bei der Bestellung von Feuerwehrkleidung muss man eine Gefährdungsanalyse machen”, sagt Wirth und blättert in einem Ordner. „Strahlung – Elektrische Gefährdung – Einflüsse durch die Umgebung”: Das sind nur drei der Hauptpunkte, die jeweils vier bis fünf Unterpunkte haben. „Da fehlt nur noch die Vorgabe, dass uns der Himmel beim Einsatz auf den Kopf fallen könnte.” Er findet das alles nicht lustig.

Diese Mammut-Bürokratisierung, sagt Wirth und klappt den Ordner wieder zu, sei eine Garantie für zunehmend mehr Austritte. „Wenn es die Freiwilligen nicht mehr gibt”, er überlegt kurz, „also, das wäre ein brutaler Rückschritt für die ganze Gemeinschaft.” Die Feuerwehr hält das Dorf zusammen, „hier trifft sich alles”. Das gilt für die meisten Gemeinden und kleineren Städte in Bayern.

Doch der Druck auf die Feuerwehr wächst. Während die Zahl der Einsätze steigt, sinkt die Zahl der Mitglieder. „Wenn wir noch fünf bis zehn Jahre warten und alles so weiterläuft, dann haben wir nicht nur weniger Leute, sondern auch immer mehr Führungskräfte zweiter Klasse.” Experten bestätigen, dass sowohl Kommandanten als auch deren Stellvertreter meist auch im Alltagsjob Führungsaufgaben übernehmen – eine Doppelbelastung.

„Die guten Führungskräfte werden uns verlassen”, prophezeit Wirth. Und dann? Dann werden die Einsätze für alle Beteiligten noch gefährlicher, als sie ohnehin schon sind, sagt Wirth und seine Stimme klingt gereizt. Man merkt, dass ihm dieser Gedanke nicht behagt. „Will man das etwa so haben? Ich hoffe nicht, ich hoffe wirklich nicht.”

Von Barbara Nazarewska
Merkur-Online

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