Österreich: Retter fordern Ende der Rettungsgasse
Österreich: Die Rettungsgasse funktioniert auch Monate nach der Einführung nicht. Jetzt fordern die ersten Retter ihre Abschaffung.
Rund 45 statt sonst 15 Minuten brauchte die Feuerwehr St. Valentin vergangene Woche, um zu einem brennenden Lkw auf der A1 zu gelangen. Die Löschfahrzeuge steckten um 2 Uhr in der Früh im Stau fest. In der Rettungsgasse gab es kein Vorwärtskommen mehr. Als die Feuerwehrleute schließlich ankamen, war der Laster bereits komplett niedergebrannt. Kein Einzelfall – in den vergangenen Wochen häufen sich die Meldungen über Probleme in der Rettungsgasse. Es scheint mit der Zeit – seit der Einführung am 1. Jänner ist immerhin schon ein gutes halbes Jahr vergangen – eher schlimmer als besser zu werden. „Wir strafen derzeit sehr viel, aber die Rettungsgasse funktioniert noch immer wenig bis gar nicht“, sagt Oberst Josef Binder von der Wiener Verkehrspolizei. Seit Juli sind vor allem Zivilstreifenmotorräder auf den Stadtautobahnen im Einsatz. „Wir sind seit 27 Jahren einsatzmäßig im Staubereich unterwegs. Es gab keinerlei Notwendigkeit für die Rettungsgasse. Sie wird auch niemals funktionieren“, sagt Hermann Dominik, Leiter der Sanitätsstaffel des Österreichischen Rettungsdienstes. „Wer die Rettungsgasse wieder abschafft, den schlage ich für einen Orden vor.“ „Es gibt jetzt weitaus längere Anfahrtszeiten als vorher“, berichtet Dietmar Fahrafellner, Kommandant der St. Pöltner Feuerwehr. Vor allem bei drei Spuren gebe es enorme Probleme. „Bei zwei Drittel der Einsätze funktioniert es nicht.“
Durchhalteparolen
Da sich die Chefs der großen Blaulichtorganisationen erst vor wenigen Monaten bei den Pressekonferenzen medienwirksam bei der Verkehrsministerin für die Einführung der Rettungsgasse bedankt haben, werden offiziell derzeit Durchhalteparolen ausgegeben. „Das Ganze ist sicher noch ein längerer Prozess“, sagt etwa Feuerwehrsprecher Franz Resperger. Bei den unteren Chargen formiert sich aber Widerstand. Viele Einsatzfahrer beklagen immer wieder, dass die Rettungsgasse chaotisch ist und kaum funktioniere. Bereits vor der Verabschiedung des Gesetzes gab es auch Hunderte Bilder der ÖAMTC-Christophorus-Piloten bei Verkehrsunfällen, die belegten, dass der Pannenstreifen praktisch immer frei geblieben ist. Doch diese Warnungen wollte im Vorfeld niemand hören. „Man soll die Rettungsgasse nicht verschmeißen, aber evaluieren“, sagt ARBÖ-Generalsekretärin Lydia Ninz. „Es ist eine gewaltige Umstellung und man muss das ständig kommunizieren. Auf drei und vier Spuren gibt es aber immer noch Probleme. Kaum geht eine Rettungsgasse auf, fahren in der ersten Sekunde Lkw hinein, die den Überblick haben, was vorne los ist.“ Im Büro von Verkehrsministerin Doris Bures hieß es, man müsse sich „die Vorfälle genauer anschauen, eine wissenschaftliche Evaluierung wird demnächst durchgeführt“. Bei einem Treffen mit den Blaulichtorganisationen im Juni habe man nur „positives Feedback“ bekommen.
Chronologie
3. August 2012:
Auf der A1 bei St. Valentin, NÖ, brennt ein Lkw vollkommen aus. Die Retter kommen zu spät, weil sie wegen der fehlenden Rettungsgasse 45 Minuten statt der sonst üblichen 15 Minuten benötigen.
28. Juli 2012:
„Katastrophale Rettungsgasse“ titelt die Feuerwehr Alland, NÖ, ihren Bericht über einen Pkw-Brand. Es wurde keine entsprechende Gasse gebildet, deshalb brannte ein Teil der Lärmschutzwand nieder, auch die Fahrbahn wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Sachschaden war deshalb enorm, heißt es bei der Freiwilligen Feuerwehr.
25. Juli 2012:
Nur drei Kilometer war der Stau auf der A4 bei Fischamend, NÖ, doch es gab kein Durchkommen für Feuerwehr und Rettung. Glücklicherweise waren keine Verletzten bei dem Crash zu beklagen.
23. Juli 2012:
Gleich zwei Rettungsgassen hintereinander, die nicht funktionieren. Nach einem Lkw-Unfall bei Böheimkirchen, NÖ, stecken die Retter auf der S33 und dann auch auf der A1 fest, beide Male war das Durchfahren kaum möglich. Der Lenker des verunfallten Schwerfahrzeuges kann sich selber aus dem Wrack befreien.
13. Juli 2012:
Die Freiwillige Feuerwehr Sierndorf, NÖ, muss als Geisterfahrer auf die Gegenfahrbahn, weil die Rettungsgasse bei Obermallebarn nicht funktioniert. Die Lenker fahren hingegen alle bis zum Unfall und dann über die Wiese vorbei.
1. Juli 2012:
Sieben Verletzte fordert ein schwerer Verkehrsunfall vor dem Pfändertunnel in Vorarlberg. „Das Einzige, das nicht funktionierte, war die Rettungsgasse“, „, sagte Tunnelbetriebsleiter Hermann Wackerle anschließend.
Folgeartikel vom 9. August: PRO Rettungsgasse
