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Frankreich: Wohnhausbrand forderte 17 Menschenleben!

Paris (Frankreich): Bei einem Grossbrand in einem Mietshaus unweit der neuen Pariser Nationalbibliothek sind in der Nacht auf Freitag, dem 26. August 2005, 17 Personen ums Leben gekommen.

Die Opfer sind Afrikaner, was einmal mehr die Debatte über die französische Wohnpolitik anfacht.

Vier Monate nach dem Grossbrand, der im Viertel der Grands Magasins 24 Todesopfer gefordert hatte, ist es in Paris erneut zu einer Brandkatastrophe gekommen. In der Nacht auf den Freitag ging ein von Schwarzafrikanern bewohntes Mietgebäude am Boulevard Vincent-Auriol im 13. Arrondissement in Flammen auf. Dabei kamen 17 Personen ums Leben, unter ihnen 14 Kinder und eine schwangere Frau. Weitere 23 Bewohner wurden verletzt, 2 von ihnen schwer.

Der Alarm wurde um 0 Uhr 17 gegeben. Als die ersten Löschfahrzeuge 9 Minuten später eintrafen, war ein Mann bereits aus dem Fenster gesprungen. An vielen Fenstern des siebenstöckigen Hauses hatten sich Mädchen und Buben versammelt: Etwa 100 der rund 130 Bewohner waren Kinder. Bereits im ersten Stock stiessen die Feuerwehrleute auf Flammen im Treppenhaus. Sie arbeiteten sich Etage für Etage nach oben und evakuierten die Bewohner über Feuerleitern. In einer Wohnung fanden die Retter 10 Personen, in einer anderen eine ohnmächtige schwangere Frau, die sich in eine Dusche gerettet hatte. Für manche kam jedoch jede Hilfe zu spät: Die meisten Opfer erstickten. Insgesamt waren 210 Sapeurs-Pompiers an der Rettungsaktion beteiligt. Kurz vor 3 Uhr war der Brand gelöscht.

Ab dem frühen Morgen folgten die bei derlei Unglücksfällen üblichen Besuche und Erklärungen von Spitzenpolitikern. Der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, Innenminister Nicolas Sarkozy sowie zwei weitere Minister begaben sich an den Brandort. Staatspräsident Chirac erklärte: «Diese schreckliche Katastrophe versetzt ganz Frankreich in Trauer. Ich verneige mich mit Ergriffenheit vor den Verschiedenen.» Wie schon bei dem Grossbrand im April waren die meisten Opfer afrikanischstämmige Immigranten. Das Feuer brach im Erdgeschoss unter dem Treppenhaus aus. Die Brandursache ist noch unbekannt. Mehrere Zeugen gaben an, das Gebäude sei voller Ratten gewesen, das Treppenhaus marode, das Dach undicht. Der Bürgermeister des 13. Arrondissements, Serge Blisko, dagegen bezeichnete das Haus als «alt, aber nicht baufällig».

Die Geschichte eines Grossteils der 130 Bewohner ist emblematisch für die Mängel der französischen Wohnpolitik. 1991 waren sie aus ihren Wohnungen ausgewiesen worden, die im Rahmen der Umgestaltung des Viertels um die neue Nationalbibliothek einem Immobilienprojekt weichen sollten. Daraufhin hatten sie aus Protest vier Monate lang auf der Baustelle der Bibliothèque François Mitterrand campiert. Mangels einer besseren Lösung hatte der Staat provisorisch ein leerstehendes Gebäude, das der Post gehörte, requiriert und die Protestierenden dort untergebracht. Aus dem Provisorium wurden vierzehn Jahre.

Unterstützung erhielten die Bewohner von der Vereinigung France Euro Habitat (Freha), die der durch Abbé Pierre gegründeten wohltätigen Bewegung Emmaus angehört. Laut Vertretern von Freha waren in dem in Flammen aufgegangenen Gebäude zwischen 1995 und 1999 Instandsetzungsarbeiten realisiert worden. Doch habe das Haus einer Totalsanierung bedurft. Für diese sollen auch Pläne bestanden haben, deren Umsetzung freilich die zeitweilige Umsiedlung eines Teils des Bewohner erfordert hätte. Und diese habe niemand aufnehmen wollen.

Der Fall illustriert die Schwierigkeiten armer Immigranten, in Paris eine Unterkunft zu finden. Über 100 000 Gesuche für eine Sozialwohnung warten derzeit auf eine Antwort. Neu gebaut werden jedes Jahr lediglich 3500 Wohnungen. Der Druck des Immobilienmarkts verdrängt bereits die Mittelschicht aus der Hauptstadt, und umso mehr die Ärmsten. So landen viele Immigrantenfamilien in schäbigen «Hôtels meublés» wie jenem, das im April abgebrannt ist – oder eben in Mietshäusern wie jenem am Boulevard Vincent- Auriol. Dort müssen sie sich zu acht oder zu zehnt zwei oder drei Zimmer teilen.

Die Empörung über solche Zustände gleicht hierzulande freilich allzu oft wohlfeiler Rhetorik. Es bringt wenig, anklägerisch auf «den Staat» zu zeigen, der angeblich Schuld ist an allem und nun schleunigst alles richten soll. Wohl ist es möglich, Sozialwohnungen in einem Umfang zu bauen, der weit über den heutigen hinausgeht. Doch dann muss sich jeder Bürger auch ein paar Fragen stellen. Etwa: Ob er willig ist, mehr Steuern zu zahlen oder im Gesundheits- oder Schulwesen, bei den Services publics usw. Abstriche hinzunehmen. Ob er seine Strasse, sein Viertel mit (noch mehr) Immigranten teilen möchte. Und ob er bereit ist, deren Integration als Nachbar und als Arbeitgeber zu fördern. Das Problem der Wohnungsnot betrifft jeden – nicht nur den Staat.

Züricher Zeitung

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